Gut getarnt…

… Schon als junges Miezchen fand die kleine Isabella, eine der halbwilden Haus- und Hofkatzen in den wunderschönen Gärten der Villa d’Este inmitten Tivolis, ihre Mutter Graziella nachahmend heraus, daß sie förmlich mit den knorrigen, gefurchten Wurzeln einer betagten, hoch aufragenden Pinie verschmolz, und so gut wie unsichtbar wurde, wenn sie sich in deren Wiege schmiegte. Ungezählte Touristen strebten, bummelten, hasteten Tag für Tag an ihr vorbei, die meisten bemerkten sie nicht. Nur manchmal blieb ein besonders aufmerksam um sich blickendes und alle Eindrücke förmlich in sich aufsaugendes Menschenkind stehen, mit einem warmen und liebevollen Lächeln die kleine, tief und fest schlummernde Mieze sacht umfangend, ohne sie zu stören…

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Die Fischerin vom Bodensee…

… So wird sie scherzhaft von den Boots- und Yachtbesitzern des Lindauer Hafens genannt. Ob sie einem bestimmten Menschen zugetan ist, kann niemand sagen. Wahrscheinlich ist sie eine heimatlose, halbwilde Streunerin, die einmal hier, einmal da Unterschlupf findet. Regelmäßig stellt sie sich an der Mole ein, wenn sich das glimmende Rund der Sonne anschickt, im bleifarbenen See zu versinken. Geduldig kauert sie sich ans Ende des metallenen Stegs und beobachtet überaus konzentriert die Fische, wie sie an der Wasseroberfläche nach den tief tanzenden Mücken schnappen. Wagt sich eines dieser schwimmenden Wesen ein wenig zu weit aus dem schützenden Nass, dann fährt plötzlich blitzschnell und wie aus heiterem Himmel eine mit messerscharfen Krallen bewehrte, den sicheren Tod bringende Katzenpranke nieder. Voller Stolz über die geglückte Jagd wird die Beute dann gepackt und in ein dunkles, sicheres Versteck getragen. Mag sein, daß dort ihre Jungen schon voller Sehnsucht auf einen Leckerbissen warten…

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Philosophisches…

… „Viele Menschen sind der Meinung, daß wir Katzen falsch seien.“, sagte meine geliebte Mieze Smokey eines Abends. Sie hatte es sich auf meinem Schoß bequem gemacht, und wir führten schon seit einer geraumen Weile ein sehr philosophisches Gespräch über Gott und die Welt. „Dabei ist das in keinster Weise richtig.“, sinnierte meine vierbeinige Freundin weiter, „Ihr seid nur oft genug nicht gewillt, oder daran interessiert, unsere Sprache zu verstehen.“ – „Wie ist denn mein Kätzisch so?“, fragte ich neugierig. Sie wandte mir ihr reizendes Gesichtchen zu und schmunzelte. „Gar nicht mal übel – ist ja auch kein Wunder, bei der guten Lehrerin.“ Sie erhob sich, zwinkerte mir verschmitzt zu, machte voller Genuß und Hingabe einen Katzenbuckel, gähnte, und sprang geschmeidig zu Boden. Ich seufzte, griff nach dem Buch, welches ich vor einigen Tagen zu lesen begonnen hatte, und vertiefte mich darin…

… Eine Weile später konnte ich mich nicht mehr so recht konzentrieren, mir war, als würde ich beobachtet. Ich hob den Kopf – und richtig, Smokey ruhte mit untergeschlagenen Vorderpfoten auf der Couch-Lehne und musterte mich eindringlich aus ihren großen, grünen, klaren, klugen und wissenden Augen. Ich fühlte, wie ihr weiser Blick in die tiefsten Winkel meiner Seele drang. Ungemütlich wurde mir zumute, Unsicherheit, ja, sogar Scham stiegen in mir auf. Mir kamen all die unguten dunklen Stellen und Schatten in den Sinn, die sie nun wohl erforschen mochte…

… Dann blinzelte sie ganz langsam und deutlich mit beiden Augen und begann, sanft und in ebenmäßigem Rhythmus zu schnurren. Ein großer Stein fiel mir vom Herzen. Sie liebt mich, dachte ich voller Erleichterung, meine Smokey liebt mich, also kann ich kein gar so schlimmer Mensch sein…

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An einem brütend heissen Sommertag…

… quälte ich mich irgendwo südlich von Freising einer lehmigen, staubtrockenen, ausgefahrenen Traktorspur entlang, die sich schnurgerade durch große Kornfelder und Wiesen zog, welche bis an den Horizont zu reichen schienen. Mein Ziel war eine Linde nahe eines kleinen Gehöfts, das von einem Bachlauf umfasst wurde. Am Fuße des Baums, und im Schatten seiner üppigen, dicht belaubten Krone wollte ich eine wohl verdiente Rast einlegen…

… Plötzlich stand sie vor mir, als wäre sie aus dem Boden gewachsen, klein und zierlich, und mit glänzendem, weiß-rötlichem Langhaar angetan. Sie hielt unerschrocken den Blick ihrer bernsteinfarbenen großen Augen auf mich geheftet, und miaute unentwegt leise, es klang in etwa so, als würde ein kleines Kind ein wenig atemlos vor Eifer sein Herz ausschütten. Ich zwinkerte ihr zu und lächelte, und sprach sanft und liebevoll auf sie ein. Da schien sie Angst vor der eigenen Courage zu bekommen, ein paar geschmeidige, weite Sätze – und das hoch gewachsene Gras am Wegesrand rahmte schützend und umschmeichelnd ihr liebliches Katzengesicht ein…

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Geschwisterliebe…

… Schlaf nur, mein liebes, scheues Brüderlein. Ich werde wachen, und dich in deinem tiefen Schlummer beschützen – auch wenn mir selbst nach all dem schönen Spielen und Toben die Äuglein zuzufallen drohen. Und sobald sich neue, großartige Dinge tun, und Abenteuer locken – oder auch ein frisch und deftig gefüllter Futternapf – dann werde ich dich ganz sanft wecken…

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